Wehrtechnik

Quo vadis, Wehrtechnik? Zwölf Jahre später.

September 2026 · Thorsten Schneider

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Was sich in der Verteidigungsindustrie seit 2014 geändert hat – und was hartnäckig gleich geblieben ist.

Ein neuer Auftritt ist ein guter Anlass, kurz innezuhalten. Beim Aufräumen für diese Website ist mir ein Text in die Hände gefallen, den ich im Januar 2014 für einen Branchen-Newsletter geschrieben habe: „Quo vadis Wehrtechnik?” Ich habe ihn mit gemischten Gefühlen wieder gelesen. Manches darin ist unfreiwillig komisch geworden. Anderes könnte ich heute wortgleich noch einmal veröffentlichen. Beides sagt etwas über diese Branche – und darüber, warum wir seit 2011 nichts anderes machen.

Januar 2014: Sparen, schrumpfen, ins Ausland schauen

Die Ausgangslage damals, in meinen eigenen Worten:

„Die Wehrtechnische Industrie befindet sich in einer Zeit des massiven Umbruchs. […] Geringere Budgets, ein deutlicher Rückgang an öffentlich finanzierten Forschungs- und Entwicklungsprojekten, eine ansteigende Internationalisierung der Märkte und sich ändernde Bedrohungsszenarien für die Streitkräfte.”

Und weiter:

„Die Heimatmärkte bleiben für die westeuropäische Rüstungsindustrie sicherlich weiter attraktiv. Das eigentliche Wachstum der Branche findet jedoch außerhalb dieser Märkte statt und liegt vor allem im Mittleren Osten, in Südamerika und im asiatischen Raum.”

Die Schlagzeilen, die ich damals zitierte, lauteten „Wie viel Rüstung braucht Europa?” und „Kann sich Deutschland die Schwächung der Rüstungsindustrie leisten?“. Man diskutierte, ob man sich die Branche überhaupt noch leisten wolle. Als Aufreger des Jahreswechsels 2013/14 galt die Forderung des Bundeswehrverbands nach Kampfdrohnen zum Schutz der Soldaten.

Und dann dieser Satz, den ich heute nicht mehr so schreiben würde:

„Der Technologie- und Know-how-Vorsprung der westeuropäischen Rüstungsindustrie gegenüber Ländern wie Russland, Südkorea, China, Brasilien, Indien oder der Türkei wird wohl noch über Jahre gegeben sein.”

Russland stand in einer Liste von Nachzüglern. Die Türkei auch. Südkorea liefert heute Panzer und Haubitzen nach Polen, türkische Drohnen haben Kriege mitentschieden, und über Russland muss man nichts mehr erklären.

2024: Die Zeitenwende und das Loch

Zehn Jahre später, im Frühjahr 2024, war die Lage eine andere – und doch klang meine Analyse ähnlich, nur mit anderem Gegenstand. Diesmal ging es um die Bundeswehr selbst:

„Es ist schon lange an der Zeit, dass wir uns auch in der öffentlichen Diskussion der ‚Personallücke’ annehmen sollten, welche keine Lücke, sondern ein zunehmend größer werdendes und die Fähigkeiten der Bundeswehr bedrohendes Loch darstellt.”

Das Sondervermögen war beschlossen und schon absehbar aufgebraucht, die Wehrpflichtdebatte zurück, der Zielumfang von 198.000 Soldaten seit Jahren verfehlt. Die Streitkräfte gaben Jahr für Jahr rund 35 Millionen Euro für Personalwerbung aus – und schrumpften trotzdem. Ich schrieb damals von einem „knallbunten Kampagnen-Strauß” und fragte, ob nicht eine einzelne Rose sinnhafter wäre.

2026: Alles anders

Heute stellt Deutschland rund 108 Milliarden Euro für Verteidigung bereit, die Schuldenbremse ist dafür gelockert, die NATO diskutiert fünf Prozent des BIP, und der Bundeskanzler hat die stärkste konventionelle Armee Europas als Ziel ausgerufen. Die Frage von 2014 – „Kann sich Deutschland die Schwächung der Rüstungsindustrie leisten?” – stellt niemand mehr. Das Wachstum findet nicht mehr im Mittleren Osten statt, sondern in Unterlüß, Kassel, München und Kiel. Wolfsburg wäre auch gerne dabei, schafft sich aber wohl gerade leider selbst ab. Drohnen sind kein Aufreger mehr, sondern gehen in Serie. Defence-Start-ups, die es 2014 in dieser Branche schlicht nicht gab, schließen Finanzierungsrunden ab, die damals niemand für möglich gehalten hätte.

Die Attraktivität der Rüstungsunternehmen als Arbeitgeber ist inzwischen sogar medientauglich: Hochrangige Manager aus dem automotiven Umfeld frischen ihren Lebenslauf auf und bewerben sich, und vielerorts werden Hacken und Schaufeln an die Goldgräber verkauft.

Die Zahlen dazu sind öffentlich. Rheinmetall hat im vergangenen Jahr 350.000 Bewerbungen erhalten, 250.000 davon aus Deutschland. Bis 2030 braucht die deutsche Verteidigungsindustrie 55.000 bis 75.000 zusätzliche Menschen, rund 30.000 Stellen sind heute offen, und die Zahl der Ausschreibungen ist im ersten Halbjahr 2026 noch einmal um 22 Prozent gestiegen.

Wer die drei Texte nebeneinanderlegt, sieht: Der Markt hat sich nicht gewandelt, er hat sich umgekehrt.

Und was gleich geblieben ist

Jetzt der Absatz aus dem Januar 2014, den ich heute unverändert veröffentlichen könnte:

„Unserer Erfahrung nach sind viele Unternehmen der Rüstungsindustrie vor allem im Personalbereich noch nicht auf die für eine steigende Wettbewerbsfähigkeit nötigen Veränderungen vorbereitet. Die entscheidende Herausforderung wird, in einem immer bedeutenderen Ausmaß, die zielgerichtete Suche und Gewinnung der ‚richtigen’ Mitarbeiter sein.”

Damals war das Problem: zu wenig Aufträge, und trotzdem fehlten die richtigen Leute. Heute ist das Problem: zu viele Aufträge, und es fehlen dieselben Leute. Der Engpass ist der gleiche geblieben, nur die Richtung, aus der der Wind weht, hat sich gedreht – und er weht erheblich kräftiger.

Dabei lohnt ein zweiter Blick auf die Zahlen von oben. Ein Markt, in dem ein einziges Unternehmen 350.000 Bewerbungen bekommt und in dem trotzdem 30.000 Stellen offen bleiben, hat kein Mengenproblem. Wir nennen es trotzdem Fachkräftemangel. Das ist bequem – ein Mangel ist ein Umstand, für den niemand etwas kann. Was uns in den Gesprächen mit Unternehmen und Kandidaten stattdessen begegnet, sind drei andere Dinge: Erreichbarkeit – die Bewerbungen kommen dort an, wo der Name bekannt ist, der Mittelständler in derselben Lieferkette bekommt sie nicht. Zeit – zwischen erstem Gespräch und Unterschrift liegen Monate, und wer in dieser Zeit nichts hört, hält Stille für Desinteresse und geht. Passung – aus 350.000 Bewerbungen wird eine Auswahl getroffen, die auf beiden Seiten kaum jemand nachvollziehen kann. Keines dieser Probleme löst sich dadurch, dass sich mehr Menschen bewerben. Wir bauen Personalmarketing aus, wo wir Verfahren reparieren müssten. 2024 habe ich das der Bundeswehr vorgehalten. 2026 gilt es für die Industrie.

Auch die Empfehlung von 2014 hat gehalten: Stellenanzeigen reichen nicht, es braucht die diskrete Direktansprache von Menschen, die gar nicht suchen. Was 2014 eine Methode für schwierige Fälle war, ist 2026 der Normalfall. Was dazugekommen ist: Die Profile sind breiter geworden (Beschaffungsrecht und agile Entwicklung, VS-NfD und Dual-Use-Geschäftsmodell im selben Kopf), die Sicherheitsüberprüfungen dauern länger, und die Branche hat gelernt, sich gegenseitig die wenigen passenden Köpfe abzujagen. Der Kannibalismus, den ich im Februar dieses Jahres beschrieben habe, war 2014 noch keine Gefahr. Damals gab es zu wenig zu kannibalisieren.

Cyber übrigens stand 2014 als „noch weiter in den Vordergrund rückendes Szenario” in meinem Text. Im April 2026 mussten wir im Talent Radar notieren, dass Cyber und KRITIS hinter den Erwartungen zurückbleiben. Manche Zukunft lässt sich Zeit.

Quo vadis – die offene Frage

Ich habe 2014 keine Antwort auf die Frage im Titel gegeben, und ich gebe heute auch keine. Was ich sagen kann: Die Branche hat in zwölf Jahren jede Marktbedingung erlebt, die es gibt – Sparzwang, Stillstand, Zeitenwende, Aufwuchs. Geändert hat sich fast alles. Nicht geändert hat sich, dass am Ende Menschen entscheiden, ob aus Budgets Fähigkeiten werden. Diese Menschen zu finden, war 2014 schwer. Heute ist es schwerer. Wohin es geht, entscheidet sich nicht in den Haushaltsplänen, sondern in den Führungsetagen – daran, wer dort in fünf Jahren sitzt.

Wir schauen weiter hin. Persönlich, vertraulich und mit Blick auf Passung – nicht auf Algorithmen.

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Quellen: 350.000 Bewerbungen – Rheinmetall, dpa vom 24.04.2026. Personalbedarf 55.000 bis 75.000 bis 2030 und rund 30.000 offene Stellen – ESUT, 17.11.2025. Plus 22 Prozent Ausschreibungen im ersten Halbjahr 2026 – index Research, 26.08.2026.

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