Warum Sicherheit in der kritischen Infrastruktur eine Personalfrage ist
Umspannwerke, Flughäfen, Stromkabel: In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 ist die Bedrohung der kritischen Infrastruktur in Deutschland vom Fachthema zur Schlagzeile geworden. Das Muster erleben wir schon seit Jahren: Aufschrei, Aktionismus, Ruhe. Dieser Beitrag zeigt, warum Resilienz nicht an der Technik scheitert, sondern an fehlenden Entscheidern, fehlenden Budgets und fehlenden Köpfen.
„Es kann doch nicht sein, dass erst ein Flugzeug explodieren muss, damit die letzten Schnarchnasen aufwachen.” Der Satz stammt von Albrecht Broemme, 14 Jahre lang Landesbranddirektor in Berlin und 13 Jahre lang Präsident des Technischen Hilfswerks. Er fiel im F.A.Z.-Interview vom 4. September 2026. Broemme ist sicherlich kein Alarmist. Er weiß, wo Deutschland angreifbar ist – und könnte nach eigener Aussage die Hauptstadt mit einer Handvoll angesägter Masten vier Wochen lang vom Netz nehmen.
Man muss ihm nicht in jedem Punkt folgen, um zu sehen: Mit dem Muster hat er recht.
Die Chronik eines angekündigten Weckrufs
Allein die Bilanz der letzten Monate liest sich wie ein Lagebild, das man vor zwei Jahren noch als übertrieben abgetan hätte. Am 3. Januar 2026 zerstörte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde fünf 110-kV- und zehn 10-kV-Kabel. Rund 40.000 Haushalte, mehr als 2.000 Betriebe, Pflegeheime, Kliniken und Schulen waren bis zum 7. Januar ohne Strom und Heizung – der längste Stromausfall in der Stadt seit 1945. Broemme rechnet vor: Betroffen waren zwei Prozent der Berliner. Im Einsatz waren 20 Prozent der Polizei und 50 Prozent der Feuerwehr.
Anfang August 2026 wurde am Flughafen Leipzig/Halle in der Nähe ukrainischer Frachtflugzeuge eine mit Sprengstoff bestückte Drohne entdeckt. Am 2. September machte die Bundesregierung offiziell Russland verantwortlich; Innenminister Dobrindt sprach von „Low-Level-Agenten” im Auftrag Moskaus. Am 1. September fand man am Umspannwerk Turnow-Preilack bei Jänschwalde eine zweistellige Zahl selbstgebauter Spreng- und Brandvorrichtungen. Mindestens eine davon explodierte. Der Brandenburger Innenminister Redmann: „Das waren ganz sicher keine Silvesterraketen.” Am selben Tag: Bergheim bei Köln. Am 2. September: ein Sabotageversuch am Umspannwerk Dormagen-Gohr – entdeckt von einem Spaziergänger.
Ein Spaziergänger. Nicht ein Sensor, nicht eine Streife, nicht ein Sicherheitskonzept. Wer nach diesem Jahr noch glaubt, Deutschland habe Schlimmeres dank guter Vorbereitung verhindert, hat die Nachrichten nicht gelesen. Wir hatten Glück – oder, wie Broemme es formuliert, die Täter waren „oft zu blöde, um mehr Unheil anzurichten”. Auf beides sollte niemand seine Sicherheitsarchitektur bauen.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt seit 2023 eine neue Qualität: Sabotage im Auftrag fremder Nachrichtendienste, ausgeführt von Wegwerfagenten, die mit geringem Aufwand über Messenger rekrutiert werden. Ihr Ziel ist nicht nur der physische Schaden, sondern auch Verunsicherung und die Überlastung der Sicherheitsbehörden. Zum 1. März 2026 führte die Bundesanwaltschaft zwanzig Verfahren gegen 23 Beschuldigte im Bereich Spionage und Sabotage.
Der Reflex, den wir kennen
Als Personalberatung beschäftigen wir uns seit Jahren intensiv mit Sicherheitsfunktionen in der kritischen Infrastruktur. Und wir kennen den Zyklus. Als im Juli 2024 bekannt wurde, dass westliche Dienste russische Anschlagspläne gegen Rheinmetall-Chef Armin Papperger vereitelt hatten, bewegte sich etwas. Plötzlich sprachen Vorstände über Sicherheit – nicht über den Mann am Werkstor, sondern über vernetzte Unternehmenssicherheit: Personenschutz, Reisesicherheit, Standortschutz, IT, Krisenkommunikation, öffentliche Wahrnehmung und den Austausch auf Augenhöhe mit den Behörden, die in diesem Feld offen und verdeckt arbeiten. Einige Monate später war das Interesse abgeebbt. Der Arbeitsmarkt für diese Profile hatte sich entspannt. Die Anfragen ebenso.
Man darf wohl gespannt sein, wie lange der aktuelle Weckruf trägt.
Größer als die Schlagzeilen
Dabei ist der Kreis der Betroffenen weit größer, als es die Nachrichten vermuten lassen. Energieversorger, Flughäfen und Bahn sind nur die sichtbare Spitze. Zur kritischen Infrastruktur gehören auch Krankenhäuser, Trinkwasserversorger, Telekommunikationsnetze, regional abgelegene Energieparks, Rechenzentren, Logistikknoten und Abfallentsorger. Viele davon sind in öffentlicher oder kommunaler Hand – und finanziell alles andere als komfortabel aufgestellt. Laut Stadtwerkestudie 2026 von EY und BDEW bewerten nur noch 47 Prozent der Stadtwerke ihren Geschäftserfolg als gut oder sehr gut; vor vier Jahren waren es 75 Prozent. 90 Prozent rechnen mit deutlich höheren Investitionen, ein Viertel mit einem Anstieg von über 200 Prozent. Sicherheit steht in diesen Kalkulationen selten oben.
Das seit 17. März 2026 geltende KRITIS-Dachgesetz geht in die richtige Richtung: Registrierungspflicht seit dem 17. Juli, Risikoanalysen, Resilienzpläne, Meldepflicht binnen 24 Stunden, Bußgelder bis zu einer Million Euro. Doch der Regelschwellenwert von 500.000 versorgten Personen lässt einen erheblichen Teil der Versorger außen vor. Der Bundesrat hatte 150.000 empfohlen. Die Bundesregierung lehnte ab. Broemmes Urteil: „nicht konsequent genug”. Unseres: Wer unterhalb der Schwelle liegt, ist deshalb nicht weniger angreifbar – nur weniger verpflichtet.
Die Anekdote, die alles erklärt
Vor einiger Zeit saßen wir mit einer Einrichtung der öffentlichen Hand zusammen. Es ging um eine sicherheitskritische Schlüsselposition. Im ersten Kennenlerngespräch war schnell klar: Niemand am Tisch konnte ein Budget beziffern. Dafür saßen uns gleich drei Vertreter der Mitarbeitervertretung gegenüber. Nichts gegen Mitbestimmung – sie gehört an den Tisch. Aber nicht allein und nicht zuerst. Wer eine Sicherheitsfunktion strategisch aufbauen will, braucht schon im ersten Gespräch jemanden, der entscheiden kann. Die Unternehmensleitung. Sonst wird aus einer Positionierung ein Protokoll.
Genau hier liegt das Problem, das kein Gesetz löst.
Es gibt sie – die Leute
Die gute Nachricht: Es gibt in Deutschland bemerkenswert viele sehr gut ausgebildete Menschen in diesem Feld. Sie kommen aus Bundeswehr, Polizei, Nachrichtendiensten, THW, Feuerwehr, Konzernsicherheiten und der Sicherheitsindustrie. Einige suchen ihren nächsten Schritt. Sie wollen ihre Kompetenz nicht nur operativ einbringen, sondern strategisch: Sicherheitsarchitekturen entwerfen, Lagebilder aufbauen, Behördenkontakte pflegen, Entscheidungen vorbereiten und mittragen. Broemme fordert „Chief Resilience Officers” auf Staatssekretärsebene in Bund und Ländern. Wir fordern das Pendant in Unternehmen, Verbänden und öffentlichen Einrichtungen: Sicherheits- und Resilienzverantwortliche mit Mandat, Budget und direktem Draht zur Leitung.
Das kostet Geld. Ja. Broemme dazu: „Stromausfälle kosten viel, viel mehr. Und Menschenleben sind unbezahlbar.” Vier Tage Stromausfall in Berlin-Südwest haben es vorgerechnet.
Was jetzt zu tun ist
Erstens: Sicherheit zur Chefsache machen, nicht zur Stabsstelle mit Dienstweg. Zweitens: vernetzt denken – Standort, Personen, Reisen, IT, Kommunikation, Behörden. Drittens: Budget, bevor die erste Ausschreibung geschrieben wird. Viertens: die richtigen Menschen an Bord holen, solange sie verfügbar sind – und nicht erst, wenn der nächste Spaziergänger etwas findet.
Wir helfen dabei. Persönlich, vertraulich, mit Blick auf Werte und Passung. Denn es geht nicht darum, ob der nächste Anschlag kommt, sondern darum, wer ihn verhindert.
Sprechen Sie mit uns. connect@focus-defence.de · +49 30 5444 5899
Quellen
F.A.Z., Interview Albrecht Broemme (4.9.2026) · tagesschau.de / NDR / WDR zu Leipzig und Jänschwalde · ZDFheute zu Dormagen und Jänschwalde · Wikipedia „Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz 2026” · Bundesamt für Verfassungsschutz, Lagebild russische Sabotage · Tagesspiegel zu Verfahren der Bundesanwaltschaft · KRITIS-Dachgesetz (BGBl. 16.3.2026) · Stadtwerkestudie 2026 (EY/BDEW) · CNN/ZDF zum Papperger-Komplott 2024
